April 2011

Kartage

Es sind nur noch wenige Tage bis Ostern. Dieser im strengen Sinne höchste Feiertag wird vorbereitet durch die Karwoche, deren bekanntester Tag der Karfreitag ist. Es gehört immer noch zum Allgemeinwissen, dass die Karwoche, zumindest aber der Karfreitag, eine „stille“ Zeit ist, die sich am Wortsinn des „Wehklagens“ orientiert. Die Tage dienen vielen auch als Gelegenheit zum Innehalten, zum Zeit anhalten, zum Nachdenken. Über sich, über die Welt. Und nach dem Wehklagen beginnt dann aber wieder das Leben, in all seinen bunten Facetten. Und die Freude. Ostern halt.

Karzeit in diesem Sinne ist zurzeit auch in Bonn an vielen Stellen zu spüren. Zumindest was das Wehklagen angeht. Aber das Innehalten, das Zeit Anhalten, das Nachdenken fehlt. Beweise dafür fanden sich wieder in der letzten Ratssitzung. Mag es auch gute Gründe geben, über die angebliche Alternativlosigkeit von Vorschlägen zur Bewältigung von Problemen zu streiten – aber die Weigerung, zumindest mal innezuhalten, die Zeit anzuhalten oder nachzudenken, löst doch breites Kopfschütteln aus. Machtdemonstration, Selbstgerechtigkeit, Besserwisserei – das beschreibt wohl eher den Antrieb vieler Akteure in der Bonner Kommunalpolitik. Da wird nicht mehr nach der Möglichkeit zu gemeinsamen Wegen Ausschau gehalten, da wird nicht mehr Zeit zum ernsthaften Prüfen der Argumente des Anderen genommen, da wird kein Raum mehr zum Nachdenken gegeben. Alle Appelle, zumindest den Versuch zu unternehmen, die Zeit anzuhalten und in sich zu kehren, verhallen ungehört.

Fassungslosigkeit macht sich bei vielen Beobachtern breit, während die, die obsiegt haben, im Siegesrausch das Schlachtfeld verlassen. Dabei übersehen sie die Schwächen in ihrem eigenen Tun, in ihren eigenen Reihen. Widerspruch wird nicht nur von außen zurückgewiesen, sondern auch intern unterdrückt. Die verpasste Chance, bei Bonns größter Baustelle die Möglichkeit zum gemeinsamen Vorgehen auch nur auszuloten, hinterlässt mehr als die Sorge, dass hier ein großer Fehler zum Schaden der Stadt begangen worden ist. Sie bestärkt auch alle die, die meinen, dass Bonn vom Kurs abgekommen ist und in schwerer See ohne Kompass durch unbekannte Gewässer dümpelt – weil die Besatzung per Mehrheitsbeschluss meint, das fehlende Kartenmaterial ersetzen zu können.

Die Kartage, die Tage des Wehklagens, finden mit Ostern ihr freudiges Ende. Das ist gewiss. Ob die Bonner Kartage aber mit Ostern ihr Ende finden, steht auf einem anderen Blatt. Wenn die kommenden Kartage nicht zum Innehalten, zum Zeitanhalten und zum Nachdenken genutzt werden, werden die Bonner Kartage nach Ostern weitergehen. Und weitere Karmonate werden folgen.