Juli 2011
Alternativlos
Alternativlos - das „Unwort“ des Jahres 2010. Eine Jury von Sprachforschern hatte das Wort gewählt. Zur Begründung hieß es unter anderem: "'Alternativlos' heißt, es lohnt sich nicht mehr, darüber zu reden. Das ist in der Politik gefährlich." Damit wurde das Wort aus dem Sprachschatz der meisten politisch Verantwortlichen gestrichen.Alternativlos – das Wort ist wieder da. Es feierte seine feierliche Auferstehung in der Ratssitzung am 14. Juli. Alternativlos ist alles das, was CDU und Grüne im Bonner Stadtrat machen. Alternativlos die Streichungen im Haushalt, alternativlos die drastischen Kürzungen beim Personal, alternativlos auch das Verfahren der Haushaltsberatungen. Wer das anders sieht, ist dumm, faul oder verantwortungslos. Oder alles zugleich. Und weil das so ist, ist Kritik auch nicht zugelassen. Kritiker werden beschimpft, bedroht, bestenfalls ignoriert. Das ist auch nur konsequent. Denn wer sich einem alternativlosen Handeln in den Weg stellt, stört. Er gefährdet die Umsetzung der nötigen Lösungen, der alternativlosen Lösungen. Wer den alternativlosen Weg nicht mitgehen will, versündigt sich am Wohl der Gemeinschaft und bereitet dieser Ungemach. Mithin – wer das anders sieht, stellt sich außerhalb der zu schützenden Gemeinschaft und verliert den Anspruch auf Respekt.
Natürlich führt die Erkenntnis der Alternativlosigkeit auch dazu, dass die Neigung zur Selbstkritik, zur Selbstreflexion schwindet. Alternativlosigkeit kann nicht in Frage gestellt werden, schon gar nicht von einem selbst. Und Alternativlosigkeit kennt auch keine gleichberechtigte Mindermeinung; denn die ist ja vor allem eins – von minderem Recht.
So führt die Wiedergeburt des Unwortes des Jahres 2010 in Bonn zu einem Absterben von Debattenkultur, von Respekt in unserer Stadt. Dialog und Transparenz werden zu leeren Worthülsen, die nur für Anweisung und Mitteilung, aber nicht für Diskussion und Infragestellen stehen. Kritiker im Rat, in der Verwaltung, beim Personal und bei den Bürgerinnen und Bürger werden schroff zurückgewiesen, ermahnt, belehrt. Gehuldigt werden dafür die, die den Alternativlosen nach dem Munde reden und schreiben. Und damit erreichen die Alternativlosen genau das, was das Wort zum Unwort gemacht hat: Es lohnt sich nicht mehr, darüber zu reden. Verloren der Versuch, im respektvollen Streit nach guten, besseren Lösungen zu suchen. Verdrängt die Erfahrung, dass der kultivierte Disput zu fruchtbaren, neuen Erkenntnissen führen kann. Verboten die Möglichkeit, dass das eigene Tun fehlerbehaftet sein könnte. Der Alternativlose ist ein guter Mensch, beseelt von seiner Mission, getragen von dem Wissen um das Besondere seiner Botschaft. Da setzt man Ausrufezeichen, keine Fragezeichen.
Gut zu wissen da, welche Worte beim Unwort 2010 auf den nächsten Rängen lagen: „Unumkehrbar" und „Wutbürger“. Gut möglich, dass es da einen Zusammenhang gibt. Aber der wäre dann auch (nicht) alternativlos.






