September 2011

Heute hier, morgen dort...

In der Politik ist es ja eigentlich so, dass jedes Wort sorgfältig abgewogen wird, bevor es gesprochen wird, weil es Anlass zu Interpretationen, Bewertungen und Spekulationen geben kann. Dabei kann auch schon mal das besonders interessieren, was gar nicht an- und ausgesprochen wird.

Debatten über gehaltene Interviews, getroffene Aussagen und vorgetragene Reden sind daher „normal“. Bemerkenswert ist aber, wenn im Vorfeld über Aussagen von Reden gestritten wird, die noch gar nicht gehalten sind. Ist das der Fall, muss schon was ganz Besonders, Großes passiert sein - oder passieren. So war es in Bonn im Vorfeld der Eröffnung der Beethovenfestspiele. Ganz (?) Bonn debattierte über die mögliche Rede des OBs. Dabei interessierte weniger die Frage, wen er alles begrüßen und wem er alles danken würde - wie das eigentlich bei Begrüßungen so üblich ist. Nein, die Erwartung ging in die Richtung, ob er ein umfassendes Bau-, Finanzierungs- und Betreiberkonzept für die neue Festspielhalle vortragen würde, am besten mit der Präsentation unterschriftsreifer Verträge, nachdem der Stadtrat und allen voran die Ratsmehrheit aus CDU und Grünen bei dem Thema über Monate abgetaucht war.

Zwar ist der OB mit mancher Äußerung im Vorfeld nicht ganz unschuldig an dieser Erwartungshaltung; aber welche Unprofessionalität auf Seiten manches professionellen Beobachters muss man feststellen, dass solche Erwartungshaltungen dann auch noch gesteigert wurden? Es sollte eine Begrüßung werden, nicht mehr - aber auch nicht weniger. Eine Begrüßung auch für das Festspielhausprojekt, das Bonn gut zu Gesicht stünde, weil es nicht nur die Leistung von Bonns größtem Sohn huldigt, sondern weil es Bonn und damit allen Bürgerinnen und Bürgern mehr Wohlstand und damit auch soziale Gerechtigkeit ermöglicht. Diese Begrüßung muss dann aber auch unbedingt erfolgen, damit neue Leidenschaft entflammt werden kann, die neue Finanziers begeistert, die das Projekt möglich macht. Ob das „dann hier oder dort“ realisiert wird, ist eine wichtige Frage, aber zurzeit nachrangig.

Wie Teile Bonns darauf reagiert haben, zeigt allerdings, dass eine andere Frage immer drängender wird: Will Bonn weiter in der ersten Liga der deutschen Städte spielen oder reicht auch ein Relegationsplatz? Oder sollte nicht gleich die Lizenz zurückgegeben und ein Neuanfang in der Amateurklasse versucht werden? Heute hier - erste Liga - morgen dort - Amateurklasse: Das ist eigentlich die Frage, die Bonn beantworten muss. Im Augenblick ist eine Antwort nicht zu erkennen. Aber sichtbar wird eine zunehmend größere Lust, an der Provinzidee Gefallen zu finden. Es muss ja nicht immer Spitze sein, zweite Liga ist doch auch ganz schön. Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort... So kann es auch mit dem Erfolg gehen. Und für eine Stadt wie Bonn würden wir das nicht begrüßen -ausgesprochen nicht. Und unausgesprochen auch nicht.