Die Sondersitzung des Ausschusses für Europa, Internationales, Wissenschaft, Wirtschaft und Arbeit stand ganz im Lichte des Jahreswirtschaftsberichts der Stadt Bonn.

Der städtische Jahreswirtschaftsbericht hat zu einem regen Austausch zwischen den Gästen und den Ausschussmitgliedern geführt. An der Diskussion nahmen der Leiter der Agentur für Arbeit Bonn, der stv. Geschäftsführer des Jobcenter Bonn, der Hauptgeschäftsführer der IHK Bonn/Rhein-Sieg, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bonn Rhein-Sieg und für die Handwerkskammer zu Köln und der Gewerkschaftssekretär des DGB Bonn Rhein-Sieg, teil. Sie alle haben ihre jeweiligen Einschätzungen zur Lage des Wirtschaftsstandortes und des Arbeitsmarktes in Bonn dargelegt. Wir können sagen, dass die Stadt Bonn insgesamt betrachtet die Folgen der Pandemie verkraften kann. Die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen ist auf einem hohen Niveau fast gleichbleibend. Unter der Gruppe der Arbeitslosen und Transferleistungsempfänger ist jedoch zu verzeichnen, dass einerseits der Anteil an Langzeitarbeitslosen gestiegen ist, andererseits die Anzahl der aufstockenden Leistungen für Geringverdiener sank.

Alois Saß Bild: ©s.h.schroeder

Der Bonner Arbeitsmarkt ist hoch qualifiziert. Ca 33 % der Beschäftigten haben einen akademischen Bildungshintergrund, weitere ca. 54 % der Beschäftigten sind ausgebildete Fachkräfte. Dies korrespondiert auch mit einem sehr hohen Anteil an Studierenden unter den Schulabgängern. Lediglich 12 % der Beschäftigten sind nicht ausgebildete oder angelernte Hilfskräfte. Dies korrespondiert damit, dass 85 % der Transferleistungsempfangenden keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Hier zeigt sich, dass es wichtig ist, junge Menschen aus bildungsfernen Schichten zu einer Berufsausbildung zu bringen, auch wenn dies überaus schwierig ist.

Der hochqualifizierte vom Dienstleistungssektor geprägte Arbeitsmarkt in Bonn hat auch Schattenseiten. Für das Handwerk und Gewerbe wird es zunehmend schwerer, Auszubildende zu finden. Sowohl die Anzahl an Ausbildungsstellen als auch die Anzahl der Bewerbenden sinkt. Es bahnt sich ein Fachkräftemangel an, der zu Standortverlagerungen führen kann. Verstärkt sollte daher an den Schulen für das Duale System geworben werden. Der Stellenwert der dualen Ausbildung als Alternative zur akademischen Laufbahn bedarf der Aufwertung. Die Anwerbung von Erwerbstätigen aus dem Ausland, wie aus Spanien und anderen Ländern ist schwierig, die eigene Ausbildung von Fachkräften muss das Ziel sein.

Für den Wirtschaftsstandort wird es auch als wesentlich angesehen, dass der öffentliche Nahverkehr als Alternative zum motorisierten Individualverkehr wesentlich verbessert wird, um auch für den Umstieg attraktiv zu sein. P&R-Infrastruktur fehlt in Bonn. Das Seilbahnprojekt wird begrüßt.

Die Innenstadt mit den drei Themenkomplexen Sicherheit, Sauberkeit und Erreichbarkeit war ein Thema sowie die Forderung nach Verbesserung der Aufenthaltsqualität. IHK und das Handwerk fokussieren den Blick darauf, wie das Abwandern von Betrieben aus Bonn verhindert werden kann und die Arbeitsplätze  in Bonn erhalten bleiben. Es bedarf einer guten Wirtschaftspolitik, um Unternehmen zu halten. Im kommenden Jahr wird die IHK wieder eine Standortumfrage gerichtet an alle angebundenen Unternehmen der Stadt durchführen.
Zur Ansiedlung von neuem Gewerbe zeigt sich derzeit, dass keine großen Unternehmer mehr nach Bonn kommen. Es fehlt an Flächen für Ansiedlung und Ausbau. Interkommunale Gewerbegebiete, wie das Projekt mit Rheinbach entwickelten sich nicht. Einstimmigkeit herrschte dabei, dass Baugenehmigungen von 5-7 Jahren zu lang sind. , Weiterhin sollen bei der Vergabe und Entwicklung von Baugebieten auch Gewerbegebiete mitgedacht werden um Verdrängungswirkungen insbesondere von lautem Gewerbe zu vermeiden. Gründungen neuer Unternehmen und Startups sollen gefördert werden. Zurzeit werden zum Beispiel nicht nur Pandemiebedingt Laborflächen mit entsprechenden Schutzstatus gesucht.

Die Corona-Pandemie hat den Wirtschaftsstandort durchaus hart getroffen. Die Einbußen konnten auch nicht vollständig durch die staatlichen Unterstützungsleistungen aufgefangen werden. Auswirkungen der Pandemie waren dabei nicht nur in den augenscheinlich betroffenen Gewerben, wie zum Beispiel dem Hotel- und Gaststättengewerbe zu verzeichnen, durch ausbleibende Folgeaufträge setzten sich die wirtschaftlichen Einbußen durch viele Gewerke fort. Auch mit Wiederaufleben der Stadtzentren und der Wirtschaft sind die Folgen des Lockdown noch spürbar. So fehlen zum Beispiel im Gaststättengewerbe Servicekräfte, da sich das bisherige Personal innerhalb des Lockdown anderweitig orientiert hat und nunmehr nicht abermals das Beschäftigungsverhältnis wechselt.
Ein neuer Lockdown muss daher auf jeden Fall verhindert werden. Strenge Regelungen und Zugangsbeschränkungen sind als mildere Mittel bevorzugt, da die Betriebe sodann unter klaren Bedingungen das jeweilige Gewerbe aufrechterhalten können.